Die Zeit der Heuchler
9. Dezember 2010 Hinterlasse einen Kommentar
Wer glaubt, dass die 68er Jahre aus der Welt eine bessere, offene, tolerante Welt gemacht hätten, wer glaubt, dass die Globalisierung uns offener für andere Kulturen, Wertesysteme und Lebensentwürfe gemacht hätte, sieht sich getäuscht. Die Welt (und ich rede hier von der westlichen Welt) wird nicht tolerant, sie wird im Gegenteil mehr und mehr heuchlerisch. Fünf Beispiele dazu:
- Heuchlerisch verhalten sich Organisationen und Unternehmen, die in vorauseilendem Gehorsam Massnahmen gegen Julian Assange und Wikilieaks ergriffen und wie z.B. Postfinance Konten von Wikilieaks gesperrt haben. In überraschender Klarheit nimmt Ruedi Noser im Tages-Anzeiger dazu Stellung.
- Heuchlerisch war die Minarett-Initiative der SVP, weil sie ein Nicht-Problem löst. Ausnahmsweise muss ich als Agnostiker hier einen christlichen Politiker zitieren, nämlich Adrian Bühler: ”Ausgerechnet jene spielen sich als Retter des Christentums auf, welche sonst unsere christlichen Rituale, Werte und Traditionen mit dem Vorschlaghammer zertrümmern. Ich nenne Sie orientierungslose, entwurzelte oder eben Hors Sol-Christen.”
- Heuchlerisch sind die US-Republikaner, wenn sie die demokratische Kongresskandidatin Krystall Ball aufgrund eines banalen Maskenball-Fotos diskreditieren (stark hingegen ist Krystall Ball’s Antwort: “Society has to accept that women of my generation have sexual lives that are going to leak into the public sphere”).
- Heuchlerisch verhält sich Apple beim Ablehnen der iPhone-App der dänischen Zeitung Ekstra Bladet, weil diese auf Seite 9 jeweils das Bild einer nackten Frau druckt. Nun sind solche Photos zwar gänzlich überflüssig, aber die Welt wird keine bessere, wenn man eine App ablehnt, obwohl der gleiche Inhalt mit dem Safari-Browser des iPhone problemlos zugänglich ist.
- Heuchlerisch sind Personalchefs und Linienvorgesetzte, welche Bewerber mit einer a) öffentlichen und b) negativ wertbaren Online-Reputation nicht berücksichtigen, denn diese Bewerber sind nicht besser oder schlechter als andere, sie sind bloss öffentlicher (misstrauisch sollte man heute eher dann werden, wenn man bei der Online-Recherche keine oder nur positive Spuren findet; solche Bewerber haben vielleicht etwas zu verbergen…).
Und wie kämpft man gegen diese Art von Heuchelei an? Anprangern ist notwendig, aber nicht ausreichend. Mir kommt Alice Schwarzer’s Wir haben abgetrieben!-Kampagne in den Sinn. 1971 haben hunderte Frauen auf der Titelseite der Illustrierten “Stern” erklärt, dass sie abgetrieben und damit gegen das Gesetz verstossen haben. Die Aktion war ein frühes und wichtiges Signal gegen das Abtreibungsverbot. Erst das massenhafte öffentliche Bekenntnis, gegen die Regeln oder die sog. guten Sitten verstossen zu haben, macht die Heuchelei sichtbar und die Heuchler wirkungslos.
Und genauso machen wir das jetzt auch. Wir haben übertrieben, und stehen dazu! Wir haben getrunken, mehr als ein Glas, und Witze gemacht, nicht nur anständige, und uns daneben benommen. Jawohl. Und wer von sich sagen kann, er hätte so etwas nie getan, der werfe den ersten Stein.
