Expresspilgern in Biberegg
15. April 2012 1 Kommentar
Wir leben in einem Ort, in dem der der Einfluss des historischen Katholizismus unübersehbar ist: Von unserer Wohnung aus sehen wir die Insel Ufenau, einem Besitz des nahegelegenen Klosters Einsiedeln. Meine übliche Laufstrecke folgt dem Jakobsweg, und unterwegs treffe ich oft auf Symbole und Wegmarken der Pilger. Man kann vom Pilgern halten, was man will, aber wenn man die vielen deutschen Pilger auf dem Holzsteg bei Hurden sieht oder an den Erfolg von Kerkelings Pilgerbestseller denkt, muss man wohl zur Kenntnis nehmen, dass Pilgern auch heute noch vielen Menschen viel bedeutet.
Eines der katholischen Phänomene in unserer Region sind die Loretokapellen. In der Nähe von Siebnen-Wangen, auf dem Gemeindegebiet von Tuggen, gibt es eine, an der ich manchmal beim Lauftraining vorbeikomme. Beim Biken im Toggenburg kam ich an der Loretokapelle in Lichtensteig vorbei. Und bei einer Fahrt über die Altmatt habe ich schliesslich bei Biberegg (Karte) eine weitere Loretokapelle entdeckt. – Zu dieser nun gibt es eben eine Geschichte, die mir gefällt und die heute wieder modern ist.
Loreto ist eine italienische Kleinstadt in der Nähe von Ancona. In der Basilika von Loreto befindet sich die Santa Casa. Es soll sich um das Haus handeln, in dem Maria, die Mutter von Jesus gelebt hat, und es soll im 13. Jahrhundert von Nazareth nach Loreto gebracht worden sein. Diese Santa Casa macht Loreto zu einem der wichtigsten Wallfahrtsorte der katholischen Welt. Eine Wallfahrt nach Loreto gehörte lange Zeit zum guten Ton, und einige begüterte Pilger haben nach ihrer Rückkehr Kapellen gestiftet, welche der Santa Casa in Loreto nachempfunden sind. Besonders hervorgetan haben sich dabei die Herren Reding von Biberegg: Hug Ludwig Reding von Biberegg hat 1678 die Loretokapelle von Lichtensteig gestiftet, und 1679 baute Wolf Dietrich von Reling Biberegg die Loretokapelle Biberegg bei der Redingburg (der Gedanke, dass Hug Ludwig und Wolf Dietrich miteinander verwandt und vielleicht gemeinsam in Loreto waren, drängt sich auf).
So, und nun kommt das dicke Ende: Im Jahr 1807 entschied Papst Pius VII., dass eine Wallfahrt zur Loretokapelle Biberegg einer Wallfahrt zur Basilika in Loreto gleichgestellt sei. So heisst es in der Chronik der Ehrenkaplanei:
Es ist daher seit 1807 eine Wallfahrt nach Biberegg mit den gleichen Ablässen, Gnaden und geistigen Vorteilen verbunden wie eine Wallfahrt nach Loreto in Italien.
Das ist nun wirklich effizient, das ist die Virtualisierung der Wallfahrt! Das ist Expresspilgern; der Bauer aus der Gegend konnte ab 1807 (den Gotthardtunnel gab es noch nicht!) tagsüber kurz eine Wallfahrt nach Loreto machen und war abends wieder rechtzeitig bei den Kühen im Stall. Und während damals wohl die Effizienz, die Beschleunigung von Ablass und Gnade im Vordergrund standen, bekommt das päpstliche Privileg heute, mehr als 200 Jahre später, eine neue Bedeutung: Es unterstützt das lokale, das “low carbon footprint”-Pilgern und kommt besonders dem Ökopilger entgegen, der so mit deutlich weniger CO2 sein Seelenheil optimiert. Das sind langfristig angelegte und nachhaltige Entscheide!

