Ponte Brolla – Verscio – Colma

Für das Tessin waren frühlingshafte Temperaturen angesagt. Wir parkieren morgens um elf in Ponte Brolla, folgen der Strasse nach Tegna und wollen hinauf zum Oratorio S. Anna, aber der Weg ist wegen Instandhaltungsarbeiten gesperrt. Wir wählen deshalb den Weg über Verscio. Auf einem schönen Prozessionsweg, gesäumt von vielen Bildstöcken, wandern wir zuerst durch Kastanien, später durch Birken und Buchen zum Monte Zucchero. Wir folgen dem Ri da Riei bis nach Streccia. Hier wenden wir uns wieder nach Süden und erreichen ohne Mühe den Gipfel der Colma. Die Aussicht ins Centovalli, zum Maggiadelta und hinüber zum Tamaro ist gewaltig!

Der Weg hinunter zur Forcola ist deutlich rauher als der Aufstieg, mit vielen hohen Tritten. Und statt nach Gropp wären wir wohl besser nach Tegna abgestiegen; das letzte Stück im Wald, mit vielen Wurzeln und recht steil, war nicht sehr angenehm. Aber mit der Aussicht auf eine Polenta vom Holzfeuer war es doch knapp zu ertragen!

Eckdaten: Aufstieg / Abstieg 550 Höhenmeter, 3-4 Stunden. Schwierigkeit T2.

Foum Zguid – Marrakech

31. Dezember. Wir stehen früh auf und räumen das Biwak. Um halb acht kommt unser Fahrer. Er wirkt ausgeschlafen, er ist also nicht die ganze Nacht durchgefahren, sondern hat irgendwo am Wüstenrand die Nacht im Auto verbracht. Abdu und Ibrahim beladen die Zelte, die beiden Mohammed die Dromedare. Sie wandern mit ihnen zurück in die Gegend von Zagora. Wir verabschieden uns von den Mohammeds und besteigen den Wagen. Auf einer rauhen Piste erreichen wir in knapp zwei Stunden Foum Zguid, eine Kleinstadt am Atlasrand. Auf einer richtigen Strasse fahren wir nach Tazenakht, wo wir in einem Restaurant essen. Nördlich von Ouarzazate erreichen wir schliesslich wieder die N9, die uns über den Tichka-Pass zurück nach Marrakech führt.

Wir nehmen Abschied von Ibrahim. Abdu führt uns und einen Gepäckträger zum Riad Enija, einem wunderschönen Riad-Hotel im Zentrum der Medina. Hier empfangen uns unsere Frauen und nehmen uns, staubig, stachlig und olfaktorisch prekär, in die Arme. Und zum Silvesteressen erscheinen überraschend unsere tütschen Freunde! Ein königlicher Abschluss einer unvergesslichen Reise.

Dünen und noch mehr Dünen

30. Dezember, unser vierter und letzter Wandertag. Die Nacht war sehr kalt, und ich bin froh um die ersten Sonnenstrahlen um halb acht. Wir wandern über Dutzende und Hunderte von Dünen nach Nordwesten, wieder näher zum Jbel Bani. Wir merken, dass wir uns doch auf ca. 1200 Höhenmetern befinden. Ich bin nicht sicher, ob Abdu seinen besten Tag hat – er führt uns zunächst nach Südwesten, den hohen Dünen entlang, und erst nach zwei Stunden nach Nordwesten. Die Kamelführer, welche von Anfang an mehr nach Norden gingen, haben uns weit abgehängt.

Wir erreichen das Lager nach etwa vier Stunden Wanderzeit. Ruhen ist angesagt, dösen und lesen. Nach dem Nachtessen holt Ibrahim zwei kleine Handtrommeln, und die vier Berber singen uns zwei traditionelle Endloslieder. Bei ihren Tanzfesten singen die Männer einen Satz, und die Frauen singen darauf eine Antwort. Dieses Hin und Her lässt sich beliebig dehnen, und wir verstehen danach gut, warum die Berber nicht in erster Linie für ihre Musik berühmt sind.

Laabidlia

29. Dezember, dritter Tourentag. Heute, sagt Abdu, geht es in die richtige Wüste, und richtig heisst für ihn: In die Dünen. Unser Ziel ist die Laabidlia (Sklavendüne), eine grosse stehende Düne. Während Stunden wandern wir auf einer steinigen Ebene gegen Südwesten. Schon bald sehen wir die Düne in der Ferne. Es ist bewölkt und etwas windig, aber ganz angenehm zum Wandern. Abdu erzählt Berbergeschichten: Was ist der Unterschied zwischen einem Dromedar und einer Frau? Avec un dromadaire, on traverse le désert, avec une femme, on traverse la vie. Weniger poetisch ist dann die Frage, warum Berber nicht küssen beim Sex. Abdru druckst lange herum und erklärt dann, dass die Berber ihre Djellaba auch im Bett tragen; wenn also der Berbermann sich zur Berberfrau legt, muss er ihre Djellaba anheben, und beim Sex nimmt er sie dann zwischen die Zähne…

Nach etwa vier Stunden wird der Boden sandig, und wir treffen auf die ersten Dünen. Hoch sind sie nicht, vielleicht zwei Meter, aber wenn man Dutzende davon überquert, werden sie anstrengend. Ab einer Steilheit von vielleicht 25% kann man nicht mehr auf den Sand drauftreten. Man muss sich wie im Pulverschnee zuerst etwas nach unten rutschen lassen, bis er sich wieder stabilisiert.

Nach knapp sechs Stunden erreichen wir unser Biwak in der Nähe der Laabidlia-Düne. Es steht auf einer Senke zwischen zwei Dünen. Hier ist der Sand mehrmals vom Regen nass geworden, und der Boden ist genügend hart, um die Zelte aufzustellen. Unsere Mobiltelefone haben unerwartet guten GPRS Empfang. Die Betreiber des MOR IAM Netz haben irgendwo in der Wüste eine Antenne aufgestellt, weil hier manchmal auch die Rallye Dakar vorbeiführt.

Am späten Nachmittag brechen Abdu und ich zur Laabidlia-Düne auf. Wir gehen barfuss. Ich bin überrascht, wie kalt der Sand auf der Schattenseite der Dünen ist! Sand ist ein schlechter Wärmespeicher, er wird zwar schnell heiss, kühlt aber auch schnell aus. Erstaunlicherweise sind wir auf dem höchsten Punkt der Düne ganz allein. Weit unter uns sehen wir ein Biwak mit 4×4-Fahrzeugen. In der Nähe startet ein Gleitschirmflieger. Wir aber haben einen unendlichen Blick über die Düne. Abdu macht Luftsprünge vor Freude!

Der trockene Fluss

28. Dezember, der zweite Tourentag. Von unserem Oasenbiwak aus wandern wir dem Wasserlauf entlang weiter nach Süden, in Richtung Sahara. Der Wasserlauf wird zum trockenen, kalkigen Flussbett. Von links und rechts kommen immer wieder Seitentäler vom Jbel Bani in unser Tal hinein. Das aus dem Kalk ausgewaschene Flussbett ist stellenweise 50m breit! Immer wieder treffen wir auf kleine Wasserlöcher. Die meisten enthalten frisches Grundwasser, einige sind Restpfützen vom letzten Regen, voller Algen und, erstaunlich, Frösche!

Abdu und Ibrahim sind überzeugt, dass wir Touristen ein richtiges Mittagessen brauchen. Während der eine Mohammed mit zwei Dromedaren weiterzieht zum Nachtlager, bleibt das Küchendromedar bei uns, und Ibrahim kocht uns mitten im Niemandsland Teigwaren!

Nach dem Mittag wandern wir weiter nach Süden und erreichen nach 4½ Stunden Marschzeit unser Biwak. Im Laufe des Nachmittags treffen weitere Gruppen ein. Auf einem Gebiet von etwa 4 Quadratkilometer stehen sieben Biwaks (die Route ist beliebt). Gegen Abend ziehen harmlose Wolken auf.

Jbel Bani

Nach einer kalten (und trotz Schaumgummimatten harten) Nacht und einem Frühstück mit Omeletts und gewürztem Kaffee brechen wir in der Dämmerung die Zelte ab und beladen die drei Dromedare. Es lohnt sich übrigens, das Zelt nicht zu nahe bei den Dromedaren aufzustellen, einige von ihnen rülpsen oft, lange, laut und mit grossem Resonanzkörper.

Wir starten direkt am Nordfuss eines Passwegs, der über den Jbel Bani führt. Es sind vielleicht 250 Aufstiegsmeter bis zur Passhöhe. An der Morgensonne wärmen wir nun rasch auf. In leicht abfallendem Gelände wandern wir weiter nach Süden, durch eine Halbwüste mit einigen Büschen und Akazien. Nach etwa 4½ Stunden Wanderzeit unter strahlend blauem Himmel erreichen wir eine kleine Oase mit Palmen und einem Brunnenschacht; hier haben die Kamelführer bereits das Küchenzelt aufgestellt. Wir verbringen einen gemütlichen Nachmittag im Biwak. Es ist rund 20° warm.

Wie holt man Wasser aus einem Brunnenschacht? Ein Kessel mit einem Seil liegt nebenan. Ich lasse den Kessel hinunter und schwenke ihn, aber statt sich zu füllen, schwimmt er bloss obenauf. Mohammed zeigt mir dann, wie’s geht: Man muss den Kessel mit der Öffnung nach unten so fallenlassen, dass er dabei das Seil nicht berührt. Dann dreht er sich beim Aufprall und füllt sich. Das Wasser ist frisch, klar und nicht zu kalt, ideal für eine Wüstendusche!

Zum Mittagessen kocht Ibrahim Reis mit einer Sauce aus Karotten, Zwiebeln und Rosinen, und zum Nachtessen macht er Couscous mit Gemüse. Er singt nicht nur gut, er kocht auch sehr gut!

Marrakech – Zagora

Zu unserem 50. Geburtstag bekamen wir von unseren Frauen und unseren Freunden ein ganz besonderes Geschenk: Eine Reise in die marokkanische Wüste. Wir landen am 25. Dezember in Marrakech, essen im Marrakchi an der Djeema el Fna eine Taubenpastete und eine Tagine und verbringen im schlichten Hotel Sherazade eine letzte Nacht auf Matratzen.

Abdellah oder Abdu, unser Guide, holt uns am Stefanstag um 06:30 im Hotel ab. Auf der Djeema el Fna steht der hoch beladene Toyota bereit. Neben dem Fahrer und Abdu ist auch Ibrahim, unser Koch, mit dabei. Im Dunkeln fahren wir nach Südosten in Richtung Tichkapass. Wir frühstücken in einem kleinen Kaffee an der Passstrasse; es gibt Tee und Fladenbrot, das wir in eine süsse Mandelpaste (Berber-Nutella) drücken. In Ouarzazate machen wir einen Einkaufshalt. Ibrahim kauft Gemüse, Brot, Früchte und etwas Fleisch ein. Ouarzazate macht einen recht wohlhabenden Eindruck, was vielleicht an den Filmstudios (Teile von Ben Hur wurden hier gedreht) liegt. Wir folgen dem dicht mit Dattelpalmen bewachsenen Draa-Tal. In Zagora füllen wir die Wasservorräte auf und folgen der Piste, die nach Westen in Richtung Foum-Zguid führt. Nach etwa einer Stunde auf der Piste finden wir am Fuss des Jbel Bani unsere Kamelführer, die beiden Mohammed (obwohl sie Dromedare führen, heissen sie Kamelführer, chamelier). Hier verlässt uns der Fahrer. Ibrahim und die beiden Mohammed bauen das grosse Küchenzelt auf. Abdu hilft uns beim Aufbau der beiden kleinen Schlafzelte.

Es wird nun rasch kühl, die Nachttemperaturen liegen nur knapp über null Grad. Im Küchenzelt, wo Ibrahim auf drei Gaskochern kocht, ist es etwas wärmer. Wir essen eine Suppe und einen gut gewürzten Eintopf mit Kartoffeln, Erbsen und einem fettigen Fleisch, wohl Hammel. Als besonderes Geschenk unserer Frauen erhalten wir dazu eine Flasche Cuvée President, ein ordentlicher Cabarnet Sauvignon.

Und wir lernen die Eigenschaften des Toilettenzeltes kennen. Es steht weit abseits des Biwaks, ein mannshohes rechteckiges Zelt von etwa einem Quadratmeter Fläche. In der Mitte hebt man mit dem Pickel eine kleine Grube aus, etwa 50cm lang, 10cm breit und 30cm tief. Benutzt wird sie in der Abfahrtsrennfahrerstellung.

Denti della Vecchia, Monte Boglia, Monte Brè

Der Herbst geht zu Ende. Eine letzte Wanderung muss noch sein, bevor es wieder Zeit wird für die Schneeschuhe. Ich fahre mit dem ersten Zug nach Lugano und leiste mir ein Taxi nach Sonvico. Ich folge der Strasse nach Cimadera und zweige bei Pönt auf den Wanderweg ab. Dieser ist zwar auf den ersten 400 Höhenmetern eine harte Fahrstrasse, aber der lauschige Kastanien- und Buchenwald entschädigt dafür fürstlich. Einmal fiel mir eine Kastanie auf die Schulter, direkt auf den Rucksackträger. Lieber dort als auf den Kopf.

Auf der Alpe Cioascio entscheide ich mich, den Umweg über die Capanna Pairolo zu machen. Es gibt zwar direktere, nicht markierte Pfade zu den Denti della Vecchia, aber das Laub liegt so dicht, dass ich sie nicht finde. Ich erreiche die Hütte nach zwei Stunden und bin überrascht, dass sie geöffnet ist. Im Kamin brennt ein Feuer, und auf dem Tisch stehen vier hausgemachte Torten. Ich kann mich nicht entscheiden und nehme schliesslich die Apfeltorte und die Mandeltorte. Eine gute Wahl, und ein hübscher Lohn für den Umweg!

Der Bergweg führt nun durch Buchenwald und Kalkfelsen auf der Schattenseite der Sassi Palazzi und der Denti zum Passo Streccione (der Wegweiser bezeichnet den Punkt als Sasso Grande). Aussichtsreich folgt der Weg mehr oder weniger der Krete, so gut das in den zerklüfteten Felsen eben geht. Kletterer sehe ich keine, dafür schrecke ich dreimal Rehe auf.

Ich verlasse die Felsen und steige, stets der Landesgrenze entlang, zum Pian die Scagn ab. Ein kurzer Aufstieg (350 Höhenmeter auf 1 Kilometer) führt mich auf den Monte Boglia. Die Aussicht wäre gewaltig, bis weit in die Walliser und Berner Alpen, aber durch die Schleierwolken und den Dunst sehe ich sie nur noch als Konturen.

Bis zum Sasso Rosso folge ich dem markierten Bergweg. Dann nehme ich den alten und nicht mehr markierten Pfad, der in direkter Linie durch den Lurenzin nach Brè führt. Der Weg ist noch gut im Schuss (aber doch etwas schwieriger als die bisherigen Wege, eher T3) und leicht zu finden. Statt Buchen gehe ich nun durch Haselsträucher. Da und dort sieht man durch die Büsche tief hinunter zum Lago di Ceresio (so heisst der Lago di Lugano im italienischen Teil). Kurz vor Brè stosse ich wieder auf den normalen Wanderweg. Ich durchquere das malerische Brè und erreiche über eine Treppe den Monte Brè, der Bergstation der Standseilbahn nach Lugano.

Die Überschreitung der drei Gipfel ist eine recht lange Tour (ich habe dafür sieben Stunden gebraucht). Sie führt durch eine erstaunlich wilde Landschaft und wirklich schöne offene Wälder. Sie dürfte auch im Frühling, bevor das Blätterdach der Buchen zu dicht wird, sehr reizvoll sein.

Eckdaten: 1400 Höhenmeter im Aufstieg, 1100 Höhenmeter im Abstieg. 7 Stunden. Schwierigkeit T2-T3 (Karte).

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