Letztes Jahr hatte ich am Zürichmarathon Teamrun erstmals Marathonluft geschnuppert. Und im November hatte ich entschieden, die ganze Marathonstrecke zu laufen. Soviel vorneweg: Es hat geklappt, in 4:18.25. Und ich bin halbwegs stolz, halbwegs heilfroh, dass ich es geschafft habe. Im Rückblick beschäftigen mich drei Fragen:
- Hat mein Trainingsplan funktioniert?
- Was passiert mit mir während dem Marathon?
- Und kann wirklich jede/r einen Marathon laufen?
Trainingsplan
Mit dem eigentlichen Marathontraining begann ich anfangs Januar. Mein Runkeeper Trainingsplan hatte vorgesehen, dass ich jede Woche vier Läufe mache und in vier Monaten total 740km laufe. Geschafft habe ich etwa drei Läufe pro Woche und eine Gesamtdistanz von 509km. “The plan was all right, it was reality which created the problem” heisst es in einer alten Projektleiterweisheit. Mal war es das schlechte Wetter, mal familiäre Verpflichtungen, mal ein Kater nach einem fröhlichen Abend, mal war es die Arbeit – aber mehr als drei Läufe pro Woche ging nicht. Schon recht früh nahm ich deshalb meine zeitlichen Ambitionen von 4:00 auf 4:15 zurück und liess das Tempotraining weg. Mitte März lief ich den 30km PreRun 2012 als längste Trainingsstrecke. Dabei wurde mir klar, dass die Kondition stimmt, dass meine Probleme weiter unten, in den Knien und Fussgelenken, liegen. Mein Motor, bestehend aus Herz, Lunge und Muskeln, aber mein Fahrwerk, die Knie- und Fussgelenke, sind wohl eher für Kurzdistanzen gebaut.
Der grosse Tag
Garstiges Aprilwetter war angesagt, durchaus passend zu der leichten, aber hartnäckigen Erkältung, die ich an Ostern eingefangen hatte. Beim Kleiderdept schaute ich ein letztes Mal auf den Niederschlagsradar und bekam den Eindruck, dass die Regenfront Zürich um spätestens 09:00 erreichen müsste. Ich war beeindruckt, wie viele Läufer sich mit kurzen Hosen und ärmellos auf dem Weg zum Start machten, aber ich wollte auf keinen Fall frieren und entschied mich deshalb für lange Hosen, lange Ärmel und ein Regengilet. Ich reihte mich im 4:15-Block ein. Der Start war locker und das Gedränge erträglich. Aber schon im Seefeld begann es zu regnen, es wurde kalt, und der Wind war stellenweise recht heftig.
Eine gute Stunde lang, bis Zollikon, hielt der Regen an. Trotzdem lief es mir recht gut. Das erste Viertel lief ich in 1:02, die Rennhälfte erreichte ich nach 2:05. Der Plan schien aufzugehen. Bei zunehmend sonnigem Wetter machte das Laufen immer mehr Spass. Die Bands am Strassenrand machten Freude, die Verpflegungsposten waren freundlich und aufmerksam. Und der Wendepunkt in Meilen, mit dem Lauf durchs Zelt und den vielen applaudierenden Zuschauern, war ein unglaublich motivierender Moment. Nun wurden die Muskeln langsam etwas härter. Ich hatte Angst davor, mir einen Krampf einzufangen, und versuchte deshalb, mit unterschiedlichen Laufstilen (Knie hochziehen, oder Vorderfusslaufen, oder Beinschütteln) die Muskeln zu lockern. Das ging recht gut, und in Erlenbach war ich mir sicher, den Lauf ohne Krämpfe zu überstehen. Das dritte Viertel hatte ich nach 3:09, und damit war ich immer noch im Plan.
Ja, und dann kam Küsnacht. Da hatte ich die Wand erwartet, den Hammermann, also den Moment, wo die leicht abrufbaren Kohlenhydratvorräte aufgebraucht sind. Er kam nicht. Dafür kam schlagartig ein Schmerzgefühl im rechten Knie (und etwas leichter im linken Knie) auf. Ich kenne mich mit den Kniebestandteilen nicht aus, ich kann nur sagen, es war “vorne aussen unten”. Mit kurzen Schritten war der Schmerz noch erträglich, mit langen Schritten aber wurde jeder Schritt, jedes Auftreten zur Qual. Ich musste das Tempo mehr und mehr zurücknehmen. Und bald wurde mir klar, dass ich die 4:15 vergessen musste. Nun ging es nur noch ums Durchkommen. Zollikon, noch 7km. Doch, das muss zu schaffen sein! Tiefenbrunnen, noch 5km (und Motivationsschub durch Jürg und Susanne am Strassenrand). Ich schaffe es! Am Bellevue setzte der Regen wieder ein, und am Bürkliplatz begann der Graupelschauer – die letzten Kilometer waren schmerzhaft und eiskalt. Und dann der Wendepunkt beim Hauptbahnhof, und schliesslich kommt das Ziel in Blicknähe, Zuschauer applaudieren, ich renne auf das Ziel zu, durchfroren euphorisch glücklich und überzeugt, dass noch gar nie irgend ein Mensch etwas so Hartes und Grossartiges vollbracht hat.

Geschafft!
Nur noch humpelnd fand ich zurück ins Kleiderdepot. Mir war elend kalt, und die Kälte brachte ich auch mit trockener und warmer Kleidung nicht aus den Gliedern. Erst zuhause, in der Badewanne, tauten meine Hände wieder richtig auf.
Kann wirklich jede/r einen Marathon laufen?
Einen Marathon zu laufen hat wohl viel damit zu tun, dass man sich selbst zum Training für eine im Grunde unsinnigen Leistung motiviert, und dass man den Lauf selbst und alle Widrigkeiten, die Krämpfe, Knieschmerzen und Graupelschauer, durchsteht. Aber das allein reicht nicht. Ohne die richtige Vorbereitung, das richtige Umfeld und die passende Konstitution geht gar nichts:
- Zeit für das Training ist wichtig. Ein grosser Teil meines Trainings fiel in die Winterzeit mit kurzen Tagen. Glücklicherweise kann ich mir meine Arbeitszeit recht frei einteilen. So konnte ich oft an einem schönen Tag erst einen langen Lauf machen und erst gegen Mittag mit der Arbeit beginnen.
- Unterstützung durch Familie und Freunde ist wichtig. Die Menschen um mich herum müssen mir nicht beim Laufen helfen, sie müssen mir nicht die Schuhe binden und mir keine Ernährungstipps geben. Aber es half mir ungemein, dass sie akzeptierten, dass dieser Marathon in den letzten Monaten meinen Alltag stark beeinflusste (oder dominierte, wie einige sagen).
- Ein belastbarer Körper ist wichtig. Belastbarkeit kann man sich teilweise antrainieren, aber nur innerhalb der Grenzen, die der eigene Körperbau, die Konstitution, überhaupt zulässt. 42 Kilometer flach auf Teer zu rennen belastet den Körper extrem einseitig und bringt die Schwachstellen – bei mir die Kniegelenke – überdeutlich hervor. Halbmarathonstrecken oder belastungsmässig abwechslungsreiche Bergläufe scheinen besser zu meinem Körper zu passen.
Kann also jede/r einigermassen gesunde Mensch einen Marathon laufen? Vermutlich ja. Und lohnt es sich auch, so viel Zeit und Energie in etwas eigentlich Sinnloses zu investieren, das viel mit Kampf und Schmerz und Überwindung zu tun hat? Wenn man das Gefühl von Tränen, Stolz und Rührung mag, das man beim Zieleinlauf während wenigen Sekunden hat, dann ja. Und würde ich es wieder tun? Eher nicht, sagt mein rechtes Knie.
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